Taxifahren ist nichts für Weicheier!

Weil viele Dinge in Japan anders sind als hierzulande, gestaltet sich auch eine Fahrt mit einem Taxi als recht aufregendes Unterfangen. Das beginnt schon bei der Kunst, eines der Autos anzuhalten. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass Japaner mit der offenen Handfläche nach Außen gerichtet nur nach Tieren winken, keinesfalls jedoch nach Mitmenschen. Es empfiehlt sich also nicht, sich an die Straße zu stellen und wie ein Irrer mit der Hand zu wedeln, wie es in Deutschland durchaus gerne praktiziert wird. Auch vom stets beliebten Handausstrecker mit leichtem Winker sei an dieser Stelle abzuraten. Stattdessen übt man die richtige Taxi-Winkerei am besten bereits zu Hause, sie erfordert nämlich einiger Übung. Man strecke also den rechten Arm aus, jedoch nicht zu weit, und drehe die Handaußenseite in die Richtung, aus der das anzuhaltende Taxi erwartet wird. Nun wedelt man leicht auf den eigenen Körper hin. Klingt einfach? In der Praxis schaffen dies nur die Wenigsten schon beim ersten Versuch, ohne sich nicht gleich den halben Oberkörper zu verdrehen – hat man den Dreh jedoch erstmal raus, kann man Taxen zu sich winken wie ein Profi.

So viel schon mal vorweg: Das richtige Heranrufen eines Taxis ist bei weitem nicht das einzige, was im Land der aufgehenden Sonne nicht so ist, wie man es von Zuhause kennt. An einer Straßenecke in Tokyo versuchen wir unser Glück und wedeln eifrig wenn auch ungelenk, nach den vorbeirauschenden Wagen. Freie Taxen erkennt man an dem roten Schildchen, das hinter der Windschutzscheibe leuchtet, wer also – wie in Deutschland – nach grünen Schildern Ausschau hält, wartet vergeblich. Obwohl angeblich nicht alle Taxifahrer Touristen mitnehmen mögen, müssen wir nicht lange warten, bis ein Auto anhält und die linke hintere Tür aufspringt. Wir klettern hinein und sitzen in einem Auto, das jedes vierjährige Mädchen mit eigenem Puppenhaus in quiteschendes Entzücken versetzen dürfte. Der gesamte Innenraum ist mit weißer Spitze ausgelegt, wir sitzen auf weißer Spitze, schauen auf weiße Spitze und fühlen uns selbst ein bisschen wie weiße Spitze, während wir dem Fahrer auf gekleckertem Japanisch die Adresse unseres Hotels mitteilen. Der nette Mann hat sich dem Inneren seines Wagens angepasst, trägt Anzug und weiße Handschuhe, und schlängelt sich sicher durch den Verkehr. Wir erfreuen uns an der Aussicht und den vorbeiziehenden Hochhäusern und Tempeln, nichtsahnend, dass die Königsdisziplin der Fahrt noch auf uns wartet: Das Aussteigen!

Taxen

An dieser Stelle sei erwähnt, dass japanische Touristen im Ausland hin und wieder dadurch auffallen, dass sie beim Verlassen eines Taxis nicht selten die Tür offenstehen lassen. Das liegt daran, dass man in Japan stets aus der hinteren linken Tür aussteigt. Diese öffnet man auch nicht selbst, sondern wartet, bis der Fahrer das für einen erledigt. Dafür steigt er jedoch nicht etwa aus dem Wagen aus, sondern tritt auf einen kleinen Hebel im Fußraum, der mit der Tür verbunden ist und diese öffnet. Ganz schön tricky – vor allem für die armen Taxifahrer, die auf das Wohlwollen ihrer Fahrgäste angewiesen sind; greifen diese nämlich selbst nach der Tür und öffnen diese, schnellt der Hebel hoch und erwischt den Fahrer vorm Bein. Und das tut weh. Der schlaue Japan-Reisende liest so etwas natürlich schon vor Reisebeginn auf irgendeinem Blog oder in einem Reiseführer und wird sich diesen Fauxpas nicht erlauben!

So weit die Theorie! Am Hotel angekommen vergesse ich für einen Moment, was ich vor Reiseantritt über Taxifahrten in Japan gelesen habe, greife nach dem Türöffner, ziehe, und schlage unserem netten Fahrer besagtes Pedal vors Schienbein. Vor lauter Schreck vergesse ich meine gute japanische Erziehung, alle hilfreichen Vokabeln gleich mit, und stürze aus dem Wagen. 


Und noch ein Taxi weniger, das künftig nicht mehr für Touristen hält!

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Toire ha doko desu ka? Wo geht’s denn hier zum Klo?

Das, was sich in Deutschland und wohl auch den meisten anderen Ländern der Welt, meist recht unaufgeregt gestaltet, kann in Japan zu einem echten Erlebnis werden! Der Gang aufs Klo ist nicht einfach nur ein notwendiges Übel, die japanischen Hightech-Toiletten verleiten so manchen Besucher vielmehr zu ausgedehnteren Sitzungen als vielleicht nötig. Wo es doch gerade so schön gemütlich ist, da kann der Nächste auch ruhig noch ein bisschen warten!

In Japan kann man – anders als in hiesigen Großstädten – quasi unbesorgt jedes noch so entlegene Stille Örtchen aufsuchen, ohne sich Sorgen wegen etwaiger Hygienemängel machen zu müssen. Schlimmstenfalls ist dem kleinen Toilettenhäuschen im kaiserlichen Park (ja, auch da steht eins!) gerade die Seife ausgegangen, ansonsten ist der Zustand der Notdurftsstätte jedoch auch hier tadellos.

Besonders spannend erweist sich jedoch die allererste Begegnung mit einer japanischen Toilette. Nach einem verhaltenen „Toire ha doku desuka?“, also der Frage nach den Waschräumen, werde ich beim Starbucks fündig. Während ich mich freue, das Kanji für „Frau“ zu kennen, das einem Klappstuhl gleicht und bei mir die Floskel „Ich geh‘ dann mal den Klappstuhl suchen“ etabliert hat, werde ich am Zielort angekommen, böse enttäuscht. Denn statt des Zeichens für Frau finde ich ein Dreieck vor. Das ist immerhin rot, was jedoch noch gar nichts bedeutet, denn in Japan sind Taxen mit rotem Schild auch nicht etwa besetzt, sondern frei. Verkehrte Welt also.
Als ich nach rechts schaue, finde ich an der Tür nebenan erwartungsgemäß dann auch das entsprechende blaue Pendant. Ist hier nun alles besonders ausgeklügelt oder halte ich mich einfach an die alte Regel, Rot und Pink gleich Weibchen? Ein „Sumimasen“, „Entschuldigung“, das ich an die neben mir stehende Frau richte, während ich auf die beiden Türen zeige und mit den Schultern zucke, bringt Klarheit: Rot hat gewonnen!

Im Inneren des kleinen Raumes – und ich hatte schon Schlimmstes erwartet – sieht es fast aus wie im Fünf-Sterne-Hotel. Alles blitzt und blinkt, es riecht nach Blümchen und Blüten und könnte gar nicht schöner sein. Etwas irritierend ist nur die Vorrichtung an der Wand, die dem Controller einer Spielekonsole gleicht und mit allerhand lustigen Piktogrammen und Schriftzeichen aufwartet. So weit, so gut. Ganz praktisch mag vor allem im Winter auch die beheizte Klobrille sein, im ersten Moment ist sie jedoch erst mal eines: ziemlich seltsam. Einfach wild auf den Knöpfchen herumzudrücken empfiehlt sich übrigens nicht, so viel sei an dieser Stelle verraten, denn diese regulieren im Klobecken angebrachte Wasserstrahler sowie deren Temperatur, Luftdüsen und nicht selten auch Lautsprecher, die vor allem auf Damenklos mit der Nachahmung der Klospülung unangenehme Geräusche übertünchen sollen. Denn da sind die japanischen Damen eigen!

Toire

Es sei also empfohlen, vor dem Gebrauch einer japanischen Toilette ein paar Vokabeln zu verinnerlichen, wobei vor allem der Panik-Button, also die Stopp-Taste, im Falle eines Falles Schlimmeres verhindern und den Benutzer wahlweise vor einer Überschwemmung der Örtlichkeiten oder ernsthaften Verbrühungen retten kann. Alles in allem jedoch eine saubere Sache, denn Japan kann sich immerhin damit rühmen, den geringsten Klopapierverbrauch der Welt zu haben!

Warum kochen, wenn’s auch roh schmeckt?

Roher Fisch ist in Japan eine Delikatesse, die es in der einen oder anderen Form in fast jedem Restaurant zu bestellen gibt. Und damit ist bei weitem nicht das hierzulande so beliebte Sushi gemeint, denn wer glaubt, in Japan fände sich an jeder Ecke ein Restaurant, das die kleinen Häppchen anbietet, der irrt. Denn rohen Fisch, das erfahren wir bereits am ersten Tag, kann man in fast jeder denkbaren Weise servieren, Sushi ist da fast schon langweilig.
So wird in Japan nicht selten eine bunte Auswahl der ungekochten Meeresbewohner als „Sashimi“ serviert, was zumeist bedeutet: roh und in Scheiben geschnitten. Reis kann wahlweise dazu bestellt werden, muss aber nicht. Wer es etwas weniger übersichtlich mag, bestellt einen so genannten „Don“, eine Schale Reis, auf der rohe Fischscheiben und Gemüse liegen, das mit Sojasoße übergossen und dann gegessen wird.

Nicht jeder anfangs noch rohe Fisch bleibt jedoch zwingend in seiner ungekochten Form, das eine oder andere Gericht sieht auch vor, dass der Gast den Fisch am Platz selbst kocht, oder er – wie beim „Teppanyaki“ – von einem Koch vor den Augen des mutigen Essers zubereitet wird.

Welche Art des (rohen) Fisches uns erwartet, wissen wir noch nicht, als wir am Abend des dritten Tages ein kleines Restaurant in Tokyos Stadtteil Shinjuku ansteuern. Am gut besuchten Bahnhof treffen wir uns erst mit einer Bekannten, die wir während unseres Sprachkurses in Berlin kennengelernt haben und die seit wenigen Monaten in Tokyo lebt, um ihr Japanisch zu perfektionieren. Sie führt uns zu dem kleinen Fischladen, in dessen Auslage der morgens frisch gefangene Fisch liegt und der auf den ersten Blick nichts mit einem Restaurant gemein hat. Eine kleine Holztreppe führt nach oben in den ersten Stock, einen hell erleuchteten und recht kleinen Raum mit spartanischen Holztischen und Stühlen, die fast alle schon besetzt sind. Wir quetschen uns an den einzigen freien Tisch und bewundern staunend die Poster an den Wänden, die sämtliche Fischarten zeigen, die das Meer zu bieten hat, die man jedoch lieber nicht alle essen möchte.

Die handgeschriebene Karte ist auf japanisch. Also was bestellen? Ich schwanke zwischen „alles“ und „lieber gar nichts“, und bin mehr als froh, als unsere Bekannte – Trick Siebzehn! – ihre Kamera zückt. Auf der hat sie bei ihrem letzten Besuch mit einem Muttersprachler das Bestellte fotografiert und hält das Foto nun dem Kellner unter die Nase. Der freut sich und bringt erstmal drei Bier. Kanpai! Dazu gibt es eine kleine Schüssel Suppe, in der etwas schwimmt, was man an der deutschen Küste wohl als Sprotten bezeichnen würde. Ich beiße mutig zu und freue mich: Die kleinen Fischchen sind gleichwohl schon tot, als auch gekocht. Einzig die Gräten pieksen ein wenig, ich kaue, knirsche und schlucke. Wie gut, dass das Bier so groß ist. Es wird nachgespült. Nein, so richtig ist das noch nichts für mich.

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Noch schwieriger dürfte es beim zweiten Gang werden, der gerade naht. Da roher Fisch nicht zu meinen bevorzugten Nahrungsmitteln gehört, schwant mir übles. Ich lache tapfer und freue mich dabei nur äußerlich über das Potpourri an frischem, rohen Fisch, das da vor uns liegt. Während ich noch mit mir hadere und den Fisch anstarre, langen die beiden anderen herzhaft zu. „Hier, iss auch was!“, werde ich aufgefordert. Also los. Und tatsächlich. Als das erste – riesig große Stück – in meinem Mund verschwindet, schmeckt es tatsächlich unglaublich gut und mir wird klar, weshalb das ungekochte Zeug hier so eine Delikatesse ist. Gleichzeitig bin ich froh, als „Vegetarier“ – genau genommen müsste ich mich Pescetarier nennen – noch Fisch zu essen, ansonsten würde ich hier gerade ziemlich Kohldampf schieben müssen. Ich mümmel mich tapfer durch die restlichen Stücke und bin dann doch irgendwann froh, als der Topf leer ist. Schnell noch ein Bier hinterher, dann ist es geschafft! Insgeheim schwöre ich mir jedoch, zurück in Berlin erst einmal lange, lange, auch keinen Fisch mehr zu essen!

Fisch

Ohne Yen nix los!

Eigentlich könnte es ganz einfach sein: Wie in jedem anderen unserer Asien-Urlaube auch, reihen wir uns am zweiten Tag unseres Aufenthalts in Tokyo in die Schlange derer ein, die an einem Geldautomaten darauf warten, ihre Portemonnaies mit „Okane“, also Geld, zu füllen. Denn wenn die Kreditkarte mal nicht als adäquates Zahlungsmittel akzeptiert wird, was in Japan durchaus das eine oder andere Mal passieren kann, will man schließlich auch im schönen Tokyo nicht den Spülschwamm in die Hand gedrückt bekommen oder sich im Kurzstreckensprint üben, nachdem der Teller leergegessen ist.

Doch ganz so einfach geht es diesmal nicht! Die meisten japanischen Geldautomaten sehen nicht nur ziemlich japanisch – also bunt – aus, sie begrüßen einen auch auf japanisch, blinken auf japanisch und sagen auch auf japanisch auf Wiedersehen. Sofern man denn überhaupt so weit kommt. Das Glück bleibt uns jedoch verwehrt, denn wo wir es auch versuchen, bekommen wir kein Geld oder scheiterten trotz unserer „umfangreichen“ Kanji-Kenntnisse bereits an der Menüführung.

Dabei hatten wir uns dank des noblen Umrechnungskurses schon mit prall gefüllten Taschen als Millionäre gewähnt, entsprechen tausend Yen derzeit doch etwa sieben Euro. Das füllt den Geldbeutel! Doch für uns scheint es erst einmal ein karger Urlaub zu werden.
In der Tat ist es in dem Land, das durch sein Insel-Dasein eine gewisse Isolation in Kauf nimmt, nicht ganz einfach, an Geld zu kommen. Denn nur wenige Banken kooperieren auch mit ausländischen Geldinstituten.
Die Web-Recherche hilft weiter: Habe man an den gängigen Automaten Probleme, solle man ein Postamt aufsuchen, heißt es dort. Denn in den Post Offices habe eine Bank ihre Automaten aufgestellt, die sich ausländischen Karten gegenüber als gnädig erweise und Geld ausspucke. So weit so gut. Der Postamt-Trick mag durchaus funktionieren, jedoch nicht bei uns. Wir sind hingegen immer noch pleite, dafür jedoch wohl genährt, denn unser letztes Bares haben wir kurz zuvor in einem Restaurant für Sushi ausgegeben. Irgendwie auch doof, dass wir zudem extra sechs Kilometer bis zum Hauptbahnhof gefahren waren, wo die nächste Post-Filiale zu finden war und nun ohne Geld den Rückweg zum Hotel antreten. Natürlich zu Fuß.

Doch da in Japan nichts so ist, wie man es kennt oder erwartet, naht die Rettung unverhofft und ausgerechnet in Form einer Seven-Eleven-Filiale, die hinter der nächsten Ecke auftaucht. In den Mini-Supermärkten stehen in Japan Automaten der gleichnamigen Seven-Eleven-Bank, an der auch der letzte verzweifelte Ausländer noch Geld bekommt. Da die kleinen Supermärkte – so genannte „Kombinis“ – rund um die Uhr geöffnet haben und in regelmäßigen Abständen das Straßenbild bereichern, war der Geldbeutel seitdem täglich prall gefüllt. Denn der nächste Seven Eleven war natürlich nur wenige Meter vom Hotel entfernt, wie wir bei unserer Rückkehr feststellten.

Kanpai!

Das Trinken diverser Alkoholika gehört im Land der Aufgehenden Sonne schon fast zum Volkssport, weshalb man als Japan-Tourist vor allem eines mitbringen sollte: eine gesunde und vor allem leistungsfähige Leber. Die kann man dann in wenigen Tagen Urlaub angemessen runterwirtschaften. Denn der Japaner macht es vor! Vor allem die „Salary Men“, also die Anzug tragenden Geschäftsmänner, die das Straßenbild der Stadt in einigen Vierteln bestimmen, genehmigen sich nach dem Feierabend – der in Japan meist nicht vor 21 Uhr und nach mindestens zwölf Stunden Arbeit ansteht – das eine oder andere Bier.

Besonders eignen sich dazu die so genannten „Izakaya“, in denen zu Bier, Sake, Wein und Schnaps kleine Häppchen gereicht werden. Diese entsprechen in etwa der asiatischen Form spanischer Tapas und bestehen unter anderem aus Fischbällchen, gebratenen Nudeln, frittiertem Oktopus und allem, was das kulinarische und experimentierfreudige Herz sonst noch so begehrt. Uns verschlägt es in ein Izakaya in einer kleinen Seitenstraße und wir sichern uns einen Platz. Obwohl es erst 20 Uhr ist, ist die Stimmung bereits feucht-fröhlich und die Sakkos hängen inzwischen am Haken, statt auf den Schultern ihrer Träger.

Wir bestellen wild, was die Karte hergibt und einigermaßen identifizierbar ist. Gnädigerweise hat uns ein flinker Kellner die Turi-Karte auf den Tisch gelegt, die mit wenig Text, dafür aber mit bunten Bildchen Hunger machen soll. Den haben wir eh schon, hadern jedoch Anfangs mit unserer Auswahl, die jedoch nach jedem Bier schmackhafter zu werden scheint. Am Tisch hinter uns geht derweil die Post ab, der erste Salary Man schmeißt das Handtuch und wird bestens gelaunt und Arien schmetternd, aus dem Restaurant getragen. Na dann, darauf ein „Kanpai!“, das japanische Wort für Prost, das jeder Japan-Reisende in seinem Sprachrepertoire haben sollte. Wer es nicht kann, lernt es spätestens bei seinem ersten Izakaya-Besuch.

Izakaya

Nachdem wir uns sattgegessen haben, schmeißen wir uns ins Getümmel und schieben uns mit den anderen Menschen durch die engen Nebenstraßen. Wir haben Lust auf noch mehr Bier, schließlich muss man mit den anderen mithalten, um nicht als „Gaijin“, also Ausländer, aufzufallen.

Kurze Zeit später schieben wir uns durch die kleine Tür einer Kneipe, in der ein Mitt-Vierziger im Hawaiihemd die Theke putzt und zu den Klängen von U2 im Takt wippt. Außer uns ist in dem kleinen, dunklen Raum noch eine kleine Gruppe feiernder Japaner zu sehen (und zu hören), und wir beschließen, uns an den Tresen zu setzen. Keine 20 Minuten später sind wir um je zwei Biere voller und in ein angeregtes Gespräch mit dem Wirt vertieft. Der spricht zwar noch schlechter Englisch als wir Japanisch, doch dem Redefluss tut das keinen Abbruch. „Baru ha anatano baru desuka?“ „Das hier ist deine Bar?“, und „Biru ha oishii desu!“, „Das Bier schmeckt lecker!“, sind dabei zwei Sätze, die zu lernen sich für die typische Kneipen-Unterhaltung besonders lohnt. Alles weitere ergibt sich von selbst und wird mit jedem Bier einfacher. In den Raum geschütteltes Kopfnicken und zustimmendes Grunzen sowie einzelne Vokabeln, die in fragwürdiger Grammatik aneinandergereiht werden, erheitern dabei vor allem das Gemüt als auch umsitzende Gäste, tragen aber erheblich zur Kommunikation bei. So hatten wir am Ende nicht nur vier Stunden lang auf Japanenglisch gequatscht und so viel Bier getrunken, dass der Heimweg nur noch wie eine Illusion scheint, wir waren auch um einige Kalligrafiezeichnungen reicher, die eine später dazugestoßene und sichtlich beschwipste Japanerin uns auf dem Tresen gezeichnet hatte. Was stand drauf? Na das Kanji für „Kanpai!“ natürlich.

Sprechen Sie Tokyo?

Eine Woche Tokyo. Eine Woche Kyoto. Ein Besuch.

In Tokyos Straßen ist es vor allem eins: laut. Während man versucht, sich durch die Menschenmasse zu schieben, die erstaunlich strukturiert durch die Gassen strömt, schallt einem aus allen Ecken Musik entgegen. Als wir – es ist der erste Tag nach unserer Ankunft in der Millionen-Metropole – durch das Szeneviertel Shibuya laufen, prasseln die Eindrücke nur so auf uns herein. Aus einem Lautsprecher an der Straßenecke plärrt der neue Song einer japanischen Girlband in Dauerschleife. Wir verstehen kein Wort. Egal, weiter. Auch aus den Läden dringen Songs zumeist japanischer Bands – alle in einer Lautstärke, die es sowohl den Einheimischen als auch Besuchern kaum erlaubt, eine Sekunde zu verschnaufen. Aber verschnaufen ist auch nichts, was man will, wenn man sich dazu entschieden hat, dieser unglaublichen Stadt einen Besuch abzustatten. Vielmehr gilt es, mitzunehmen was geht und dann wiederzukommen, weil man doch so viel verpasst hat!

Unser erster Besuch dauert eine Woche, in der wir versuchen, diese Metropole zu verstehen, die nie zu schlafen scheint. Zu erst fällt auf: Europäisch aussehende Menschen sieht man selten bis gar nicht. Die meisten Touristen, die Tokyo besuchen, stammen entweder aus Japan selbst oder umliegenden asiatischen Ländern. Zu viele Europäer lassen sich von der langen Flugzeit und den bunten, unidentifizierbaren Schriftzeichen vor einem Besuch in Japan abschrecken. Doch wir haben vorgesorgt! Ein einjähriger Japanisch-Kurs und das Studieren einiger Schriftzeichen sollen helfen, damit wir uns zumindest ein bisschen zurechtfinden, Frisör von Café und Shoppingcenter von Bürogebäude unterscheiden können – wobei die Grenzen bei letzteren vor allem in Japan oft fließend sind.

„Konnichiha“, „Guten Tag“, murmeln wir, als wir das erste Restaurant betreten. So weit so gut, doch gerade in Tokyo kommt man mit mühsam erlernten Japanisch-Brocken nicht umbedingt weiter! Zu viele Japaner zeigen sich über die unverhofften Sprachkenntnisse westlicher Besucher derart schockiert, dass sie die stotternd vorgebrachten Sätze oft für ein für sie unverständliches Englisch halten. Selbst die in schönstem Schul-Japanisch aufgesagten Floskeln und Fragen werden da nicht selten mit einem unverständlichen Kopfschütteln beantwortet. „Kono Ryiori ni niku ga arimasuka?“ „Ist dort Fleisch drin?“, will ich als Vegetarierin wissen. Zumindest an diesem Tag habe ich es nicht erfahren.

Das Essen, das schließlich vor mir landet, scheint jedoch fleischfrei und schmeckt dabei auch ganz vorzüglich. Ich habe mich für eine Suppe mit Nudeln darin entschieden, die „Soba“ genannt werden und herrlich durch die Zähne gezogen werden können. Zusätzlich werden die Suppen mit passender Einlage garniert, egal ob Mochi – ein recht geschmacksneutraler und mit Käse vermengter Reiskuchen – Gemüse, Käse oder – am beliebtesten – Fleisch, alles ist erlaubt. Gegessen wird mit Stäbchen und einer Art Kelle, mit der man in der Suppe nach ihrem Inhalt fischt, alles darauf zwischenlagert und dann mit den Stäbchen hochnimmt. Ist nicht ganz einfach, klappt aber nach einigen Anläufen ganz passabel, wobei die oberste japanische Tisch-Regel lautet: Wenn man nicht weiß, was man mit den dargereichten Stäbchen, Kellen und kleinen Handtücherchen machen soll, einfach beim Nachbarn abgucken, was der so anstellt!

Soba

Und der Mann am Nebentisch macht es vor: Ein bisschen schlürfen und schmatzen ist auch erlaubt, ja eigentlich schon unabdinglich. Also schmatzen wir mit. Es schmeckt, es macht satt und es ist – entgegen der landläufigen Meinung, dass in Tokyo nichts bezahlbar sei – sogar recht günstig. Gerne wieder! Stellt sich nur die Frage, was mit den kleinen Handtüchern zu tun ist, die den Gästen vor dem Essen – oft auch in Plastik eingeschweißt und nicht selten kochend heiß – gereicht werden. Auch nach zwei Wochen Japan und dem Einholen verschiedener Meinungen ist noch nicht klar, ob diese ausschließlich vor dem Essen zum Säubern der Hände genutzt oder auch währenddessen als Serviette zweckentfremdet werden dürfen. (Auch das Beobachten anderer Mitessender hilft hier wenig, denn diese scheinen oft genau so unschlüssig.)

Mit einem „Arigato Gozaimasu“ verabschieden wir uns schließlich und sorgen für irritierte Gesichter bei den Angestellten, die die höfliche Verabschiedungsfloskel ihrerseits aus voller Kehle durch das Restaurant brüllen. Doch der Gast ist hier König, von ihm wird, anders als in Europa, keine große Höflichkeit erwartet. Vielmehr zeichnet sich das japanische Gast-Verhalten vor allem dadurch aus, dass Kellner und Kassierer fast mit Ignoranz gestraft werden. Aber nicht mit uns, ein bisschen Freundlichkeit hat schließlich noch keinem geschadet! Wir deuten noch ein Kopfnicken an, dann entschwinden wir in all unserer Höflichkeit aus der Tür und treten den Heimweg an. Tag zwei kann kommen.